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Unverpackt - Supermarkt einmal anders

Vor wenigen Wochen erschien auf besserhaushalten.de ein Artikel über ein neues innovatives Supermarktkonzept, mit dem das Anfallen von Verpackungsmüll reduziert werden soll. Die Idee eines „umweltfreundlichen“ Supermarktes erntete viel Zuspruch und löste große Begeisterung aus. Zeit, sich so einen Laden mal genauer anzusehen.

„unverpackt – lose, nachhaltig, gut“. Das ist der Slogan des verpackungsfreien Supermarktes von Marie Delaperrière in der Kieler Innenstadt. Das Konzept ist klar, die Umsetzung gelungen und für den verpackungsmüll-geplagten Kunden wird ein Einkauf im „unverpackt“ Supermarkt zu einem emotionalen Kauferlebnis.

Schon von außen macht der kleine Laden durch die großzügigen Schaufenster und die gemütlichen Sitzbänke mit Kissen, einen einladenden Eindruck. Im Inneren herrscht ebenfalls Wohlfühlatmosphäre. Statt Metallregalen, Klappkisten und raschelnder Plastiktüten gibt es warmes Holz, Körbe mit regionalen und saisonal angebautem Gemüse und Ware „pur“, die man „unverpackt“ sehen kann. In hohen durchsichtigen Spendern sind die losen Lebensmittel kassettenartig nach Produktgruppen geordnet. Die optische Qualität der Lebensmittel kann so unmittelbar beurteilt werden. Auf kleinen Schildern werden Informationen wie Herstellung, Herkunft und Verwendung, bzw. Zubereitung zur Verfügung gestellt und verschaffen so eine Übersicht über das Sortiment.

Der Anblick der puren, unverpackten Ware vermittelt ein gutes Gefühl und hat eine entspannende Wirkung auf den Kunden. Es gibt keine lauten, wild designten Umverpackungen, die um jeden Preis aus der Masse im meterlangen Regal hervorstechen müssen und die Konsumenten geradezu anschreien. Die Verpackungskultur befindet sich derzeit auf dem „Lautstärkehöhepunkt“, umso wohltuender ist daher die Besinnung zurück auf die Produkte selber. Pur und unverhüllt. Haptisch. Bewusstes Einkaufen.

 

Diese neue Art des entschleunigten Konsums begeistert unterschiedliche Menschen. Die meisten Kunden, die in Marie Delaperrières Laden einkaufen sind 30 Jahre oder älter und gehen meist sehr bewusst mit Lebensmitteln um. Die Nähe zur Universität, in der unter anderem Geisteswissenschaften und Sport gelehrt werden, trägt zum speziellen Kundeninteresse bei. Die positive Bilanz der Produktnachhaltigkeit ist einer der Hauptgründe vieler Kunden, die gezielt ihren Weg in den „unverpackt“ Laden finden und den Vorgang des Selbstabfüllens bewusst und gerne mitmachen. Sie bringen Gläser, Dosen, Tüten von zu Hause mit. Wiegen und tarieren die Behältnisse und füllen nach persönlichem Bedarf ihr Mengen an Seife, Nudeln und Müsli ab. Wer kein lebensmittelechtes Gefäß dabei hat, kann im Laden selbstverständlich Stoffbeutel, Papiertütchen oder Flaschen erwerben, die in einem eigenen Pfandglassystem weiterverwendet werden.

Durch die Abwesenheit der Verpackungsmaterialien, die im Handel durchschnittlich 20% des Kaufpreises (für Material, Design, Druck, etc.) ausmachen, kann die Ware im „unverpackt“ Laden zu geringeren Preisen angeboten werden. Als Konsument spart man sogar doppelt. Dadurch, dass bedarfsgerechte Mengen eingekauft werden können, verringert sich der Wegwerfanteil abgelaufener oder „alt gewordener“ Lebensmittel. Wer beispielsweise einmal im Jahr einen Kuchen backt, benötigt nur die Hälfte der Menge an Mehl, die in einer handelsüblichen Supermarkteinheit enthalten ist. Der Rest wandert erst in den Vorratsschrank und anschließlich oft in die Mülltonne. Das händische Abfüllen der losen Lebensmittel im „unverpackt“ Laden reaktiviert das Bewusstsein für ausreichende Mengen des Eigenbedarfs, was in normalen Supermärkten durch Angebote und Vorteilspackungen verdrängt wird. Mogelpackungen mit mehr Luft als Produkt haben hier keine Chance!

Obwohl Marie Delaperrière in ihrem Laden Bioprodukte anbietet und im April 2014 sogar eine Bio Zertifizierung bekam, führt sie keinen reinen Bioladen. Ihr geht es um den ökologischen und ökonomischen Aspekt und den CO2-Abdruck der Produkte. Ein kurzer Transportweg des regionalen Obstes und Gemüses der ansässigen Landwirte zur Verkaufsstelle ist aus dieser Sicht daher sinnvoller als biozertifizierte Produkte, die z. T. per Überseetransport nach Deutschland gelangen. Bei Waren wie Kaffee oder Tee, bei denen auf transkontinentale Transportwege nicht verzichtet werden kann, werden fair gehandelte Produkte bevorzugt.

Eine weitere tolle Idee ist das im „unverpackt“ Laden ausgehängte Rezeptebrett. Viele verschiedene, auf Papierkärtchen gedruckte Rezepte zum Mitnehmen sind dort zu finden. Selbstverständlich können die benötigten Zutaten vor Ort, wenn gewünscht Grammgenau, abgewogen werden. 

Oder die Zutaten, z.B. für das persönliche Lieblingsmüsli, werden gleich vor Ort in einem Gefäß zusammengekippt. Einfacher geht’s nicht:

Die Idee

In der französischen Zeitung Le Monde las Marie Delaperrière im November 2012 einen Artikel über eine Familie, die drei Jahre versuchte müllfrei zu leben. Der Beitrag beeindruckte die gebürtige Französin und die Idee für einen verpackungsfreien Laden war gesät. Es folgte ein Businesskonzept, Lieferantenakquise und die Suche nach einer geeigneten Ladenfläche. Mit ihrem nachhaltigen, aus Privatkapital finanzierten Konzept strich sie im Dezember 2013 den Sonderpreis bei dem Gründer Cup Schleswig-Holstein ein und eröffnete wenig später im Februar 2014 ihren ersten „unverpackt“ Supermarkt.

Zur Zeit läuft in Kiel die Planung für ihren zweiten Laden. Es ist der ehrenwerte Versuch die Welt ein Stück besser zu machen.


Informationen, Öffnungszeiten und Anfahrt unter: www.unverpackt-kiel.de

Text und Foto: Lisa-Marie Köster

Verantwortlich für den Inhalt:
Percy Bongers (Chefredaktion)

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