Deutschlands einzige Austernzucht

Herrschaftlich ragen die Austernbänke in der Blidselbucht zwischen Kampener Vogelkoje und Lister Hafen bei Ebbe aus dem Wasser. Ganz passend zu ihrem Erscheinungsbild tragen die Austern der Nordsee-Insel den Namen Sylter Royal. Bis zu 30 Zentimeter lang, mit einer festen, kaum zerstörbaren Schale in hellem Grau – das ist die Crassostrea gigas. Kenner schätzen diese Edelmuschel vor allem aufgrund ihrer Exklusivität. Die Sylter Auster ist inzwischen deutschlandweit die einzige ihrer Art, denn die nordfriesische Insel hat seit Jahrzehnten das deutsche Monopol bei der Austernzucht.

 

Bereits die alten Griechen züchteten ab dem 4. Jahrhundert vor Christus ganz gezielt Austern. Durch einen Zufall entdeckte man, dass die Meeresbewohner sich an Tonscherben festsetzen. Daraufhin begannen griechische Fischer damit, Scherben gezielt im Meer zu versenken, um so die Zucht voranzutreiben. Auch in Deutschland hat die Aufzucht der exquisiten Edelmuschel eine lange Tradition. Doch der zusätzliche Raubbau der natürlich gewachsenen Bestände – noch Anfang des letzten Jahrhunderts wurden jährlich bis zu eine Million Austern an der deutschen Nordseeküste aus dem Wattenmeer gefischt – hatte einen rapiden Rückgang der Population zur Folge, der letztlich zur Ausrottung der europäischen Auster in der Nordsee führte. Nach zahlreichen Rückschlägen gelang es der Bundesforschungsanstalt für Fischerei mit Unterstützung von Muschelfischern der Inseln Sylt, Föhr und Amrum, eine neue Austernart, die pazifische Felsenauster, im Wattenmeer auszusetzen. Ermutigt durch den Erfolg begann das Sylter Unternehmen Dittmeyer’s Austern-Compagnie 1986 mit der kommerziellen Vermarktung und Zucht der exotischen Muschelart. In einem 500 Kubikmeter großen Seewasserbecken in der Blidselbucht in der Nähe von Kampen entstand Deutschlands bis heute einzige Austernzucht.

 

Die Austern wachsen in sogenannten Poches – der französische Begriff für netzartige Kisten, in denen sie mit rund fünfzehn ihrer Artgenossen Platz finden. Dittmeyer züchtet nach dem sogenannten Tischprinzip. Dabei werden die Kisten, in denen sich die Austernzöglinge befinden, auf Eisentischen im Watt festgeschnürt, um nicht Opfer von Ebbe oder Flut zu werden. Die Tischkultivierung ist nur in flachen, von Gezeiten geprägten Gewässern möglich und daher für die Nordsee ideal. Nach drei Jahren liebevoller Handaufzucht sind die Muscheln reif für den Verzehr. Dabei hat eine perfekte Auster rund 80 Gramm Gewicht zu diesem Zeitpunkt.

 

Heute produziert Dittmeyer’s Austern-Compagnie circa eine Million Austern jährlich. Diese haben einen Verkaufswert von rund 700.000 Euro und werden deutschlandweit, in Österreich und der Schweiz vertrieben. Die Wiederbelebung und Kommerzialisierung der deutschen Austernzucht hat aber auch Schattenseiten. Laut der Umweltorganisation Greenpeace verdrängt die sich aggressiv vermehrende pazifische Auster inzwischen zusehends heimische Miesmuschelbestände. Meeresbiologen sehen mit Interesse, aber auch Sorge, dass sich das Wattenmeer durch den gezielt verbreiteten Organismus immer weiter verändert. Dabei ist die Miesmuschel ein tragender Pfeiler des Ökosystems Wattenmeer. Frühzeitiger Alarm wäre aber fehl am Platz. „Meeresküsten sind offene Lebensräume, in die schon immer viele fremde Organismen eingedrungen sind. Im Allgemeinen wird das Ökosystem damit fertig“, erklärt Karsten Reise, Leiter der Wattenmeerstation in List.

 

Autoren: Maren Rosche & Hendrik Jürgens

 

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