Ein Kommentar von Hendrik Jürgens


Europa ist geschockt. Denn die Pferdefleisch-Funde in Rindfleischgerichten häufen sich. Nun gilt es die Gemüter zu beruhigen: Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner erklärt der „Fleisch-Mafia“ den Krieg. Härtere Strafen, strengere Vorgaben und zusätzliche Tests sollen den verunsicherten Konsumenten wieder zielstrebig Richtung Tiefkühltruhe marschieren lassen. Doch wird der gefühlt tausendste Versuch, unsere Nahrung sicherer zu machen, den gewünschten Erfolg bringen? Oder bedarf es vielmehr einem generellen Umdenken in puncto Fleisch und dessen Wert?

 

BSE, Vogelgrippe, Dioxin-Eier, Gammelfleisch – alle paar Monate ereilt uns ein neuer Lebensmittel-Skandal. Politiker zeigen sich erbost. Und die deutschen Wutbürger haben endlich wieder einen Grund, um mit hochroten Köpfen ihr Bild-Zeitungs-Halbwissen an Bushaltestellen und Frittenbuden auszutauschen. Nach zwei Wochen allgemeiner Hysterie und flächendeckendem Enthüllungs-Bombardement der Gazetten kehrt langsam wieder Ruhe ein. Der Platz am Medienpranger wird vom nächsten untreuen Politiker eingenommen, die Lebensmittelindustrie gelobt Besserung und beschert uns schließlich mit erkauften Qualitäts-Siegeln die Illusion von Sicherheit, nach der wir uns so sehnen.

 

Natürlich ist es unverantwortlich, wenn aus reiner Profitgier die Gesundheit der Verbraucher aufs Spiel gesetzt wird – ob dies auf die meisten Galopperfleisch-Fälle überhaupt zutrifft, sei dahingestellt. Doch ist es nicht scheinheilig von uns, einzig den Betreibern von Mastbetrieben, Legebatterien und Schlachthäusern die Schuld an Fauxpas à la „Geiz is(s)t Gaul“ zu geben? Schließlich stehen jene unter gewaltigem wirtschaftlichen Druck, müssen konkurrenzfähig bleiben und der stetig steigenden Nachfrage nach totem Nutztier nachkommen. Und überhaupt: Wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich auch Späne. So what?!

 

Ist die eigentliche Ungeheuerlichkeit nicht vielmehr, dass wir Verbraucher mit aller Sturheit darauf pochen, Fleischwaren zum Spottpreis einkaufen zu können und so die Lebensmittelindustrie regelrecht zu Mogelpackungen nötigen? Vor gar nicht allzu langer Zeit erstanden wir Fleischwaren noch auf dem Wochenmarkt oder beim Schlachter unseres Vertrauens. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wir sind auf Schnäppchenjagd! So gehört Deutschland, laut Erhebungen des Statistischen Amtes der Europäischen Union, zu den Nationen, die am wenigsten für Lebensmittel ausgeben. Lediglich zehn Prozent des Haushaltsbudgets ist uns unsere Ernährung wert, für Fleisch berappen wir keine 50 Euro im Monat. Zudem scheint es, als würden wir regelrechtes Misstrauen gegen alles hegen, was nicht in Plastik eingeschweißt, mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen und tiefgefroren wurde. Folglich müssen immer mehr Fleischereien schließen. Doch wie die Kampfpreise im Discounter möglich sind, hinterfragen die wenigsten Kunden. Ob Tiere dafür leiden müssen und ob das, was man uns letztlich als Delikatesse verkauft, unserer Gesundheit schadet, erscheint zweitrangig. Und das ist der wirkliche Skandal!

Welche Auswirkungen zukünftige Maßnahmen auf die Nahrungsmittelindustrie haben und ob unser Essen dadurch wirklich gesünder oder zumindest weniger schädlich wird, steht in den Sternen. Auch wann der erste Soylent Green-Fund für einen landesweiten Aufschrei sorgt und wie die Menschen von überzeugten Pfennigfuchsern zu gesundheitsbewussten Verbrauchern erzogen werden können, bleibt vorerst ungewiss. Fest steht nur: Solange der Geist schwach ist, wird das Fleisch es auch sein.

 

Autor: Hendrik Jürgens

 

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